Die Illusion des Goldrauschs
Warum die wahren Gewinner der AI-Revolution keine Zeile Code schreiben
Es gibt ein altes Sprichwort aus der Zeit des kalifornischen Goldrauschs: „Wenn alle nach Gold graben, verkaufe Schaufeln.“ Im Jahr 2025 graben alle nach der künstlichen Superintelligenz. Milliarden fließen, Rechenzentren wachsen aus dem Boden, und der Hype ist ohrenbetäubend. Doch wenn sich der Staub legt und wir eine nüchterne Bilanz ziehen: Wer hat eigentlich Geld auf dem Konto? Die Antwort ist ernüchternd und zynisch zugleich.
Das Milliardengrab der Infrastruktur
Beginnen wir an der Spitze. Die Firmen, die die Modelle bauen – die OpenAIs und Googles dieser Welt – operieren in einem Modus der Kapitalvernichtung. Sie investieren unfassbare Summen in GPUs und Energie. Das Problem? Diese Hardware ist ein sich extrem schnell abnutzendes Asset. Ein H100-Chip ist heute Gold wert, morgen Elektroschrott. Diese Unternehmen wetten auf eine Zukunft, in der sie Monopolisten sind. Aber bis dahin ist es ein Wettlauf zum finanziellen Abgrund.
Die Falle der Produktivität
Schauen wir auf die Anwender. Der durchschnittliche Angestellte nutzt ChatGPT heimlich, um E-Mails zu schreiben oder Code zu fixen.
Ist das ein Gewinn? Kurzfristig: Ja, es ist bequem.
Langfristig? Es ist ein Risiko.
Erstens: Firmendaten landen auf fremden Servern (ein Compliance-Albtraum).
Zweitens: Diese „Produktivität“ landet selten auf dem Gehaltszettel des Mitarbeiters. Sie dient nur dazu, den eigenen Stress zu reduzieren. Es ist keine Wertschöpfung, es ist Arbeitserleichterung.
Die demografische Zeitbombe: Das Ende der Junioren
Ein viel düsterer Aspekt, der in der Euphorie untergeht, ist das Verschwinden der Einstiegspositionen. „Das kann die KI billiger“, sagen die CFOs und streichen Junior-Stellen.
Das mag für das laufende Quartal gut aussehen. Aber strategisch ist es Selbstmord. Ein Senior-Entwickler oder Senior-Marketing-Manager fällt nicht vom Himmel. Er ist ein ehemaliger Junior, der Fehler machen durfte. Wenn wir die unterste Stufe der Karriereleiter absägen, bricht in 5 bis 10 Jahren das gesamte System der Talententwicklung zusammen. Wir züchten eine Lücke heran, die keine KI füllen kann: Erfahrung und Urteilsvermögen.
Die Verlierer der Content-Ökonomie
Wer dachte, AI würde das „Creator Business“ demokratisieren, wurde eines Besseren belehrt. YouTube und Spotify gehen rigoros gegen AI-generierte Inhalte vor. Demonetarisierung, Shadowbans, algorithmische Abstrafung. Wer AI nutzt, um Inhalte zu erstellen, kämpft gegen Windmühlen. Auch Marken, die AI in der Werbung nutzen, ernten oft keinen Umsatz, sondern einen „Shitstorm“ für fehlende menschliche Seele.
Die wahren „Schaufelverkäufer“: Die Händler der Angst
Wer bleibt übrig? Wer macht jetzt, in diesem Moment, profitablen Umsatz mit Marge?
Es sind die Verkäufer von Kursen.
Es ist die Industrie der Bildung – oder besser gesagt: der eingebildeten Bildung.
„Lerne Prompt Engineering in 4 Wochen“, „Wie du mit AI reich wirst“, „Der ultimative AI-Business-Guide“.
Diese Anbieter nutzen ein mächtiges psychologisches Werkzeug: FOMO (Fear Of Missing Out). Sie verkaufen die Illusion, dass man mit einem 99-Euro-Kurs einen Wissensvorsprung erlangt.
Die bittere Wahrheit? Oft wissen diese „Gurus“ nicht mehr als Sie. Oder schlimmer: Sie wissen nicht mehr, als das Sprachmodell selbst Ihnen auf die Frage „Wie benutze ich dich?“ antworten würde.
Wir sollten AI nutzen. Wir sollten sie verstehen. Aber wir sollten aufhören zu glauben, dass der Hype deckungsgleich mit wirtschaftlichem Erfolg ist. Die einzigen, die im Goldrausch sicher reich werden, sind die, die Eintrittskarten für die Mine verkaufen – unabhängig davon, ob dort überhaupt Gold liegt.

